Hauptmenü
Berichte Demos > 2006
Wenn aus der Trauer die Wut erwächst - Gedenkmarsch für die Opfer des alliierten Bomben********* in DresdenMehr und mehr Menschen drängen aus den Zügen, hinaus auf den Bahnhofsvorplatz der Stadt, die einst sieben Tage und acht Nächte lang brannte. Sie alle sind gekommen, um einem Aufruf zu folgen, an jene 300.000 Deutsche zu erinnern, die einst im Höllenfeuer der Befreier qualvoll sterben mussten.Als sie sich bereit machen, den Weg zum Antrittsplatz zu beschreiten, schiebt sich ihnen eine Kette der Staatsmacht entgegen – wenige Sekunden später ist sie durchbrochen. Unbeirrt schreiten sie weiter, vorbei an den wieder errichteten Häusern, für deren Zerstörung der Luftmarschall Sir Arthur T. Harris in London einst ein Denkmal gesetzt bekam.Nur wenige Meter vom Antrittsplatz entfernt unternehmen Einheiten des Systems erneut den Versuch, ihnen den Weg zu versperren. In vielen reift der Gedanke, daß auch dieses mal alles versucht werden wird, zu verhindern, denen zu Gedenken, die schutzsuchend vor der roten Bestie nach Dresden flüchten mussten, um dann von den westlichen Befreiern planmäßig abgeschlachtet zu werden. Immer mehr Einheiten stellen sich ihnen entgegen, bilden eine undurchdringbare Kette, doch die Kolonne bahnt sich einen Weg an ihnen vorbei.Verwundert erreichen sie die zum Abmarsch bereitstehenden, in lose Haufen geordnete Massen hinter der Semperoper. Fahnen, an die Ballons gebunden wurden, ragen über den Köpfen empor, so als währen sie nur ein stück Zierde, inmitten eines Festes. Nur wenige fassen die innere Entschlossenheit, das Bewusstsein um das ungeheuere Geschehen aufzubringen, nach außen zu tragen und sich geordnet und diszipliniert den Weg durch die Straßen der Stadt zu bahnen, in denen sich die Schreie tausender verbrennender Deutscher zu einem fürchterlichen Todesgesang vereinten.Nach der Hälfte der Wegstrecke kommt der Marsch zum stehen. Die Augustus-Brücke sei besetzt und müsse erst geräumt werden, heißt es. Wertlose Zusicherungen, uns unseren Weg und unser Recht zu ermöglichen, reihen sich aneinander. Einige Entschlossene, die es satt haben, sich dem fortwährenden Unrecht zu beugen, bewegen sich auf eine parallel verlaufende Bücke zu. Die Reihen der Staatsmacht ziehen sich zusammen, Helme werden hektisch festgeschnürt.Noch ehe die ersten Reihen mit den Einheiten des Systems in Berührung kommen, werden sie mit Pfefferspray an weiterem Vordringen gehindert. Die ersten fallen mit Tränen überlaufenen Augen zurück, werden von anderen mit Wasserflaschen zum Spülen der Augen aus dem Strom der Rechtlosen gezogen. Ordner der NPD schieben sich zwischen die Fronten, drängen die Aufgebrachten zurück, Aufrufe durch Lautsprecher unterstützen sie.Weiter hinten ruft ein Mitglied der Landesfraktion der NPD mit Megaphon heuchlerisch dazu auf, die Ketten zu durchbrechen. Fassungslos erreichen seine Worte die um ihn versammelten Widerstandskämpfer, sind es doch die Ordner seiner Organisation, die gegensätzlich handelten. Der Sinn des Marsches, das Gedenken an die 300.000 Männer und Frauen, Kinder und Greise, verkommt zur Lächerlichkeit.Wut weicht der Trauer. Wut über ein System, in dem auch die letzten Ehre versagt geblieben ist. Wut über eine Versammlungsleitung, die von Kompromiss zu Kompromiss mehr und mehr denen gleicht, die ständig bestrebt sind, Betroffenheit zu heucheln, ohne ihrer Betroffenheit auch Ausdruck zu verleihen. Wut über all jene, die nicht fühlen können, welch schweres Schicksal, welche Tragik und welch unzählbares Leid sich einst an diesem Ort zugetragen hat.Wehleidig schweift der Blick zurück auf jene Jahre, in denen der Marsch noch keine Schirmherrschaft benötigte. Auf Jahre, in denen man noch nicht auf ein dem Jahrestag des Massenmordes zeitnahes Wochenende auswich, nur der Bequemlichkeit wegen. Auf Jahre, in denen man den Marsch mit der notwendigen Ernsthaftigkeit und Achtung vor den Toten beging. Dresden 2006 gibt uns den mahnenden Hinweis: Die Zeiten unseres Kampfes werden härter, aber unsere Reihen scheinen aufzuweichen
Untermenü