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Berichte Demos > 2006
Menschenrecht bricht Staatsrecht! Antirepressionsdemonstration in Lübben
Auf dem Bahnhofsvorplatz der Spreewaldstadt Lübben formiert sich der Protestzug. Zum zweiten mal in Folge versammeln sich die Widerstandskämpfer der Lausitz, zeitnah zum Tag der Menschenrechte, um gegen die Totalität der staatlichen Unterdrückung zu protestieren. Noch immer sind sie groß, die Lücken, die der Apparat in ihre Reihen gerissen hat. Noch immer werden etliche ihrer Freunde in den politischen Haftanstalten gefangen gehalten. Noch immer herrscht das Schweigen gegenüber der abscheulichen Heuchelei des Apparates in ihrem Land.
Neugierig streifen die Augen der Einwohner beim Vorbeimarsch über die jungen Gesichter, die keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit ihres Protestes lassen. Zu groß ist die Willkür, die den Widerstandskämpfern in ihrem Leben schon begegnete, zu einprägsam der stechende Schmerz der Knüppel, den sie spüren mußten. Dann durchbricht die erste Parole die Stille der Spreewaldstadt: "Die Freiheit, die ist hier nicht echt - erkämpft mit uns das Menschenrecht".
Im Klang der Reden und Lieder, die unablässig aus den Lautsprechern und den Kehlen der Widerstandskämpfer dringen, schweifen die Gedanken zu den einsamen Herzen, die hinter Beton und Stacheldraht schlagen und nicht wissen, wie es weitergehen soll. Zu denen, deren einziger Halt die Gewißheit ist, daß draußen, fernab der vergitterten Fenster und monotonen Mauern, noch andere sind. Andere, die nicht aufgeben, sich gegen die Ichsucht und Lügen zu wehren. Andere, die weiter für eine Zukunft kämpfen und opfern - genau so, wie sie es taten.
Noch vor ein paar Jahren, als unser Land geteilt und die Staatsschützer von heute sich noch Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes nannten, gab es Hoffnung für die politischen Gefangenen. Hoffnung, daß man sie freikaufen würde, daß sie die Qualen in den Haftanstalten des Apparates nur irgendwie überstehen müßten, um am Ende das verhaßte System hinter sich lassen zu können.
Wer hätte damals geglaubt, daß all die Opfer und all das Leid 17 Jahre später ohne Sinn bleiben würden. Daß nach dem Untergang des einen verhaßten Systems abermals Deutsche von ihrem eigenen Staat verfolgt werden. Daß nun die Kinder der Aufständischen von einst wie durch einen Fluch mit dem Schicksal ihrer Eltern verbunden sind. Daß man sie wieder einsperrt, ihnen wieder das Denken, das Sprechen, das Schreiben und das Singen verbietet. Daß man wieder von Freiheit und Demokratie spricht, ohne dabei den drohenden Knüppel aus der Hand zu legen, mit welchem sie uns einbläuen wollen, es hätte keinen Zweck, sich zu wehren und etwas anderes zu wollen als lebenslange Unterdrückung.
Der Protestzug nähert sich dem Marktplatz. Etliche Menschen, die den Widerstandskämpfern auf ihrem Weg begegnen, sprechen offen ihre Solidarität aus oder symbolisieren ihre Zustimmung durch Winken und Lächeln. "Ihr habt den Mut, die Wahrheit zu sagen", ruft eine Frau von ihrem Balkon. "Gebt nicht auf!", fordert ein älterer Mann, mit ruhiger Stimme, der mit seinem Fahrrad am Rande steht. Es scheint fast, als gäbe ihm der Anblick dieser Widerstandskämpfer seine längst verlorene Hoffnung wieder.
Am Marktplatz werden sie schon erwartet. Die Demokraten haben zu einer Kundgebung gegen Rechts- und Linksextremismus aufgerufen. Auf die Gründe für den noch vor kurzem zelebrierten Schulterschluß mit Linksextremisten zum "Tag der Demokraten" in Halbe gehen sie freilich nicht ein. Heuchlerisch wirkt ihr Aufruf, geradezu unverschämt ihr Selbstverständnis, das Volk, dem sie eine Zukunft verwehren, zur Verteidigung seiner eigenen Henker zu laden.
Nicht ein einziges mal bringen sie den Mut dazu auf, inhaltlich auf den Grund des Protestzuges einzugehen, sich zu positionieren, zu den Knüppelschlägen, Verfolgungen, Razzien, Verboten und Inhaftierungen. Statt dessen nur oberflächliche Hetze und Verleumdungen. "Zu lange habe ich erlebt, daß Menschen, die anders dachten und glaubten als die Herrschenden, ausgegrenzt und zum Verstummen gebracht wurden", verkündet die Superintendantin Voigt und merkt dabei nicht einmal, daß sie nun auf der Seite der Herrschenden steht, daß sie es ist, die Menschen ausgrenzt und zum Verstummen bringt, weil sie anders denken und glauben.
Immer wieder mischen sich die Parolen der Widerstandskämpfer in den Lärm, der durch die zuvor verteilten Trillerpfeifen erzeugt wird: "Gesinnungsjustiz und Gummiparagraphen - das sind die Waffen der Demokraten". Dann ergreift ein Widerstandskämpfer das Wort, berichtet von den Anwerbeversuchen des Geheimdienstes und den Verhaftungen, davon, daß die DDR, die einst Millionen unterdrückte, sich auch demokratisch nannte. Daß sich mit dem Fall der Mauer im Grunde nichts geändert hat. Daß man sich vom Materialismus blenden ließ. Daß man den Traum von Freiheit eintauschte gegen 100 DM Begrüßungsgeld, gegen Farbfernseher und Hochglanzmagazine und nun den Mut verloren hat, der es einst ermöglichte, die Fesseln zu sprengen.
Mit den Worten der Widerstandskämpfer herrscht plötzlich Stillen auf dem Marktplatz. Die Pfiffe und Rufe verstummen. Verwundert schaut sich ein Staatenschützer in der Menschenmenge um. Ein Großteil derer, die sich hier versammeln sollten, um gegen den Widerstand zu protestieren, hört plötzlich gespannt der Stimme aus dem Lautsprecher, stimmt in vereinzelten Gesprächen zu. Erschrocken müssen die Herrschenden feststellen, daß sie den Widerstandskämpfern durch die Mobilisierung zum Marktplatz erst die Möglichkeit schufen, vor einem so breiten Publikum zu sprechen. Entrüstet verlassen ehemalige SED-Kader den Platz, dann zieht der Protestzug weiter - das Lied "Die Gedanken sind frei" auf den Lippen.
Kein böses Wort begegnet den Widerstandskämpfern auf ihrem weiteren Weg durch die Stadt, Köpfe recken sich neugierig aus den Fenstern der Plattenbauten. Es scheint, als erfülle sich auf ironische Art und Weise die Aufforderung der Demokraten, die Lübbener "sollten nicht hinter den Gardinen stehen". Hunderte Ohren hören die Reden und Forderungen der jungen Deutschen, hunderte Augen blicken hoffnungssuchend auf diese Jugend, die den Apparat herausfordert - ganz so, als würden sie den Mut bewundern, den sie selbst bisher nie aufzubringen wagten.
Noch sitzen sie allein zu Hause, mit all ihren Problemen und Sorgen. Aber sie sehen, daß da draußen noch andere sind. Andere mit den gleichen Problemen und den gleichen Sorgen. Andere, die nicht mehr wegsehen. Andere, die die Gestaltung ihrer Zukunft nicht den Herrschenden überlassen, sondern selbst aktiv wurden und dafür täglich zu opfern bereit sind.
Die, die heute noch an eine Zukunft im System glauben, werden schon bald zu zweifeln beginnen. Die aber, die ihre Zweifel zur Suche nach Alternativen drängen, werden dann selbst die Totalität des Apparates spüren. Die Gewißheit, im bestehenden System keine Zukunft zu haben, auf der Suche nach Auswegen jedoch mit staatlicher Repression überzogen zu werden, wird sie in die Reihen der Widerstandskämpfer führen, die schon heute am entschiedensten vom System verfolgt werden. Gemeinsam werden sie sich vom letzten Unrechtssystem auf deutschem Boden befreien - denn das Menschenrecht bricht das Staatsrecht!
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